Die Evolution im Tierkreis (2): Der äußere Weg

Das Zeichen Jungfrau bereitet den Menschen vor für den Übergang von der inneren zur äußeren Welt. Sie ist die Hüterin der Schwelle von der unsichtbaren zur sichtbaren Welt.

7. „Sorge für Gleichgewicht und Harmonie.“

Mit der Herbst-Tag-und Nachtgleiche am 21. September wächst erneut die Nachtkraft in uns. Waage möchte das überhöhte Ego aus dem Löwen mit der jungfräulichen Selbstkritik aussöhnen, sodass weder ein überhöhtes Selbst noch ein unterwürfiger Diener bestehen bleibt, sondern das Selbst als ein „Licht für das Ganze“, als ausgleichender Teil im „Gesamtorganismus Menschheit“. Waage repräsentiert den kollektiven Willen als machtvolle Erweiterung über das begrenzte Einzel-Ego. Waage verleibt den Einzelmenschen in das größere Ganze ein. Die Herbst-Tag-und Nachtgleiche steht für den Triumph eines sozialen Gruppenbewusstseins über den individuellen Selbstausdruck. Neue Kräfte werden wach, die nach Zusammenarbeit und gesellschaftlichem Miteinander streben. Ging es in den drei Phasen Widder, Stier und Zwillinge um den Aufbau der Personalität,  entwickeln sich in Waage, Skorpion und Schütze bis zur Wintersonnenwende  gesellschaftsbildende Kräfte.

8. „Verwirkliche deine zwischenmenschlichen Ideale!“

Das harmonische Zusammenleben in der Gemeinschaft wurde in Waage als Ideal gepriesen und muss nun von Skorpion unwiderruflich verwirklicht werden. Die Vision einer Gemeinschaft dringt bei Skorpion in die Tiefen seiner Seele ein, wird personifiziert und ist Teil seiner sexuellen Triebkraft. Sexus ist nicht als Sündenfall, sondern als Teil unserer Zivilisation zu sehen. Sexus hat zwei Grundrichtungen, die zeugende und die nichtzeugende Richtung. Der zeugende Aspekt gehört in das Frühjahr und wird somit dem Stier zugeordnet. Stier ist auch Zeichen von Fruchtbarkeit und männlicher Kraft. Skorpion ist das polare Zeichen zu Stier und gehört, wie schon erwähnt, zu den Zeichen der aufsteigenden Nachtkraft, die sich der Menschheit als Ganzes zuwenden, somit ist die vereinigende Kraft von Skorpion nicht auf Zeugung und Selbstverwirklichung bezogen, sondern auf die Verschmelzung der Individuen als Ganzes, um in der vollkommenen Vereinigung ein Größeres, organisches Ganzes zu bilden. Die Reduzierung skorpionischer Energien auf rein sexuelle Inhalte ist auf religiöse Schuldkomplexe und Dogmen zurückzuführen.

9.“Erkenne den göttlichen Sinn in Allem!“

In Schütze erreicht die Nachtkraft ihren Höchststand und überwältigt das individuelle Denken. Es geht um mehr als die Personalität jedes Einzelnen, unsere Seele strebt nach Ganzheit, Weisheit und Philosophie. Was bedeutet Gott, Religion und Mensch-Sein für mich. Schütze beinhaltet das Streben nach den ewigen Werten, die Suche nach dem Absoluten, dem Sinn im Leben. Schütze wünscht sich die Verbindung mit dem Übermenschlichen, er strebt in die Ferne, nach einem Verstehen jenseits des Verstandes. Unsere Seele verdrängt mit dem Höhepunkt der Nachtkraft das Ego unserer Persönlichkeit (Tagkraft) und richtet den Pfeil des Schützens in Richtung neuer Geisteshorizonte. Der Geist sagt dem Menschen, was er zurücklassen, vergessen und wandeln soll. Der Mensch soll im Schützen seine persönlichen Ziele in Richtung Vision wandeln.

10.“Du bist berufen, übernimm deine Verantwortung.“ 

Mit der Wintersonnenwende endet der kürzeste Tag. Wir sind in Steinbock angekommen und am höchsten Punkt der Innenschau. Die Sonne steigt höher, die Tage werden länger. Wir hoffen auf neu erwachendes Leben, das im Christus-Mythos ein wunderbares Symbol gefunden hat. Die Tagkraft wird im Rahmen des irdisch Machbaren zu einer neuen Persönlichkeit heranwachsen, einer Persönlichkeit, die im realistischen Steinbock ihren Meister findet. Steinbock steht für die Verantwortung zur Schöpfung, für den Überblick auf der Spitze des Berges, unsere persönliche Berufung und für unsere Verpflichtung unsere stetig wachsende Tagkraft nach bestem Wissen und Gewissen zum Wohl des Ganzen einzubringen.

11.“Alle Menschen sind Brüder.“

Während in Steinbock der individuelle Mensch ein Politiker, ein „Sozial-Automat“ oder ein visionärer Eremit ist, wird im Wassermann der Rebell frei, der sich entweder zum echten Reformer wandelt oder zum eigenwilligen Spinner wird, der seine Privatvorstellungen von sozialer Reform oder Religion verwirklichen möchte. Letzteres kann Wassermann zum gefährlichen Extremisten werden lassen. Wassermann ist das letzte fixe Zeichen im Tierkreis und verfügt wie auch die anderen fixen Zeichen (Skorpion, Löwe und Stier) über ein hohes Mass an Kraft und Energie. Die Sonnenwendkraft des kardinalen Steinbock-Zeichens bricht im Wassermann mit voller Energie hervor (z.B. die französische Revolution mit den Wassermann Begriffen: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“). Wassermann duldet nur die Gemeinschaft der „Gleichen im Geiste“, ist also auf der höchsten Ebene in seinen Freiheitsvorstellungen begrenzend-fixiert. Die Gefahr steckt in der vorgegebenen Ideologie: „Nur der ist mein Freund, der denkt wie ich!“

12.“Erlösung durch All-Liebe.“

Wenn sich die Christus-Liebe erlöst, herrscht „Freiheit im Geist“ und „Jeder hat das Recht zu denken, was er will“. Fische ist das letzte Zeichen im Tierkreis. Der Punkt, an dem die Tagkraft die Nachtkraft überwindet (Widder), nähert sich. Die Versteinerungen aus dem Steinbock-Denken „Gesetz ist Gesetz“ und aus begrenzender Wassermann Ideologie „was ich denke, ist Gesetz“ werden durch das Chaos der Fische Stürme überwunden. Aus dem reinigenden Chaos soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen. Integration von allem, was ist. Das ist auch die Zeit für Fasten und Buße. „Liebe steht über dem Gesetz“. Der einzelne Mensch muss lernen seiner inneren Stimme zu vertrauen, statt vorgegebene Gesellschaftsformen blind zu akzeptieren und zu kopieren. Das „Meer des Schicksals“ erlöst uns und spült Überkommenes fort. Manches und Mancher geht darin unter, um in Widder als Individuum neu geboren zu werden.

(Inspiriert durch Dane Rudhyar: Die astrologischen Zeichen – Der Rhythmus des Zodiak, 1987)

© Barbara Alpen